Zur Vermittlung im Schwimmen: Prognosen der Leistungsentwicklung im Nachwuchsleistungssport: Empirische Befunde und Konsequenzen

Publikation: Buch/BerichtDissertationsschrift

Abstract

Schlüssel und Tor zur „Produktion“ erfolgreicher Athlet*innen - so die grundlegende Annahme - ist die Konsequenz aus der frühzeitigen Entdeckung vielversprechender Talente und deren gezielter Förderung im Rahmen eines langfristigen Leistungsaufbaus (LTAD). Diese Prozesse haben sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend auf Verbandsebenen strukturell systematisiert. Eine entscheidende Messgröße der Potentialerkennung ist die Wettkampfleistung, die im Schwimmsport unproblematisch mit Hilfe einer Stoppuhr gemessen wird. Allerdings sind erzielte Zeiten häufig der alleinige Indikator für Talent. Es gibt jedoch eine Reihe von Befunden, die zeigen, dass die Vorhersagekraft des juvenilen Erfolgs umso geringer ausfällt je jünger die Athlet*innen sind. Ursachen dafür liegen zum einen in der nicht-Linearität körperlicher Entwicklung von Athlet*innen und zum anderen in der komplexen Zusammensetzung von Einflüssen auf einzelne Wettkampfergebnisse. So sind es eine Reihe von direkt und indirekt beobachtbaren personalen sowie apersonalen Bedingungen, die zu einer sportlichen Leistung beitragen. Der relative Alterseffekt (RAE) ist diesem Zusammenhang eine der bekanntesten Fehlerquellen der Talenterkennung. Die Leistungsbewertungen in einer Altersklasse werden dabei ohne die Betrachtung von Alters- und Reifungsunterschieden innerhalb eines Jahrgangs vorgenommen werden.
Die vorliegende kumulative Dissertationsschrift verfolgt das Ziel, einen differenzierten Blick auf Werdegänge im Nachwuchs des Leistungssports Schwimmen zu werfen und Konsequenzen für Vermittlungsprozesse im Rahmen des LTAD abzuleiten.
Hierzu wird eine Kohorte deutscher jahrgangsbester Schwimmer*innen im Längsschnitt zwischen 11 und 18 Jahren untersucht. Studie I betrachtet eine Kohorte 11-jähriger Schwimmer*innen prospektiv und untersucht mögliche Einflussfaktoren auf die Kontinuität von Karrieren. Studie II widmet sich einer Kohorte erfolgreicher 18-jähriger Athlet*innen retrospektiv mit der Frage nach dem Einstiegsalter und der Spezialisierung innerhalb des Schwimmens. Studie III analysiert die Prävalenz, das Ausmaß und den Rückgang des RAEs im Altersbereich 11-18 Jahren.
Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass nur jede*r Dritte Elfjährige auch mit 18 Jahren noch zu den 100 Besten im jeweiligen Jahrgang gehört. Lediglich 23% der bereits mit 11 Jahren in den Bestenlisten geführten Athlet*innen sind durchgängig platziert. Herausragende Wettkampfergebnisse haben wenig Aussagekraft über die Kontinuität der Karrieren. Die Untersuchung offenbart eine deutliche Fluktuation im deutschen Nachwuchs des Leistungssports Schwimmen. Die Identifikation junger Talente allein auf Basis von Leistungsauffälligkeit liefert an dieser Stelle, wie bereits in vorherigen Studien belegt, keine nachhaltige Grundlage für eine langfristige Prognose. Darüber hinaus zeigte die retrospektive Analyse von Schwimmer*innen der Nationalmannschaft, dass diese deutlich jünger waren bei der ersten Platzierung. Gleichzeitig erreichten sie Platzierungen auf diversen Schwimmstrecken, in mehr Schwimmarten und unterschiedlichen Streckenlängen. In der untersuchten Kohorte ist der Anteil relativ Älterer unverhältnismäßig hoch. Dieses Missverhältnis schreibt sich bis ins Erwachsenenalter fort. Das Phänomen des RAEs steht seit mehreren Jahrzenten im Fokus intensiver Forschungsbemühungen und dennoch finden sich nur wenig bis keine adäquate Intervention im LTAD. Dieser Nachteil führt dazu, dass dem System Athlet*innen mit guter Perspektive entgehen, weil sie relativ jünger und folglich in der Entwicklung verzögert sind. Untersuchungen erfolgreicher Karrieren ergaben, dass in der Mehrzahl der Fälle keine lineare Leistungssteigerung im Verlauf vorlag, gleichzeitig weist die Analyse der vorliegenden Dissertationsschrift auf vorwiegend linear ausgerichtete Strukturen im LTAD des deutschen Schwimmsports hin.
Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass die alleinige Prognose auf Basis herausragender juveniler Wettkampfergebnisse anfällig für Fehleinschätzungen ist. Die Vorhersage verbessert sich bei der Betrachtung kombinierter Leistungen. Jedoch lässt die Prävalenz des RAEs vermuten, dass relativ jüngere Athlet*innen im hohen Maße und auf verschiedenen Ebenen frühzeitig aus dem Fördersystem ausscheiden. Um zukünftig Leistungssport im Schwimmen nachhaltiger zu fördern, ist es notwendig die erbrachte Wettkampfleistung aus unterschiedlicher Perspektiven zu betrachten. Ebenso scheinen eine vielfältige grundlegende Ausbildung sowie eine erst spät einsetzende Spezialisierung auf eine bestimmte Hauptlage oder -strecke positive Wirkungen auf die Leistungsentwicklung im Schwimmen zu haben. Trainer*innen und Entscheidungsträger*innen müssen dazu befähigt sein bzw. entsprechend geschult werden, Leistungen differenziert zu bewerten, um in der Folge den Erfolg im Sinne eines langfristig ausgerichteten Prozesses einordnen zu können.
Der Prozess frühzeitiger Auswahl ist stark selektiv. Der Fokus liegt auf einem kleinen Anteil vermeintlich talentierter Sportler*innen, während ein größerer Anteil aussortiert wird oder freiwillig aus dem Schwimmsport ausscheidet. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Auserwählten tatsächlich den Sprung in die Weltspitze schaffen, höchst unwahrscheinlich.
Das Ziel der Verbände und Entscheidungsträger*innen sollte sein, möglichst viele junge Schwimmer*innen für den Sport zu begeistern und Trainer*innen zu befähigen, Sportler*innen bei der Entwicklung ihres individuellen Potentials vollumfänglich zu unterstützen. Dieses Vorgehen bietet darüber hinaus die Chance den Gewinn von Medaillen mit einer positiven Persönlichkeitsentwicklung zu verbinden.
OriginalspracheDeutsch
ErscheinungsortKöln
VerlagDeutsche Sporthochschule Köln
Seitenumfang75
PublikationsstatusVeröffentlicht - 2021

Zitation