Interview für FORSCHUNG AKTUELL (Nr. 3/2019)

Presse/Medien: Presse / Medien

„Beim Science Slam kann ich meine Leidenschaft für Wissenschaft, Sport und Musik ideal kombinieren"

Wenn Oliver Jan Quittmann über Wissenschaft spricht, dann oft in einem außergewöhnlichen Umfeld. Dann steht er auf einer hübsch beleuchteten Bühne, hält die Mundharmonika an die Lippen und startet mit Musik. Oliver Jan Quittmann (27) ist Wissenschaftler, Triathlet, Trainer und Musiker. Trainingswissenschaft und Para-Sport sind seine Leidenschaft und ihm liegt viel daran, seine Begeisterung für diese Themen in die Öffentlichkeit zu tragen. Am liebsten bei einem Format, das all seine Interessen kombiniert. Im Interview gibt er einen Einblick in seine Faszination von Wissenschaft, die Forschungsprojekte, an denen er gerade arbeitet und sein Faible für das Format Science Slam. 

Herr Quittmann, Wissenschaft, Triathlon, Coaching und Musik. Eine ziemlich ungewöhnliche Kombination. Wie bekommen Sie all das unter einen Hut? 

Ich glaube, ich habe einfach das Glück, genau das machen zu dürfen, was mich täglich begeistert. Ich forsche an interessanten Fragestellungen, arbeite mit motivierten Athleten zusammen, habe nette Kolleginnen und Kollegen und unterrichte interessierte Studierende. Für mich ist das ein absoluter Traum. So entsteht eine Leidenschaft, die Vieles möglich macht. 

Besonders wichtig ist Ihnen dabei der Paralympische Sport. Wie hat ihr Engagement in diesem Bereich richtig begonnen?

Ersten Kontakt zum Paralympischen Sport hatte ich im Rahmen der Parabadminton-EM und -WM, die in meiner Heimatstadt Dortmund ausgetragen wurden. Als Linien- und Schiedsrichter habe ich die Athleten live erlebt und ihre Einstellung zum Sport hat mich sehr beeindruckt! Im November 2014, da war ich gerade zwei oder drei Monate Hilfskraft am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft, kam Benjamin Lenatz zu uns, der vom Rollstuhlbasketball zum Triathlon umsteigen wollte. Auch wenn ich mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit mit Paratriathlon beschäftigt hatte, wusste ich noch nicht, wie man das Training in dieser Startklasse gestaltet. Ich bin da also mit einer gewissen Naivität und viel Neugier reingegangen. Nach den ersten Trainingsplänen und Diagnostiken hat sich nicht nur Benny, sondern auch unsere Freundschaft weiterentwickelt. Momentan befindet er sich in der Vorbereitung auf die Paralympics in Tokio 2020.

Für Ihre Promotion forschen Sie auch im Bereich des Paralympischen Sports. Was genau haben Sie untersucht?

Ich habe Messungen im Handcycling gemacht, die sich aus zwei Bereichen zusammensetzen. Der eine Bereich ist die Biomechanik. Hier haben wir die Kräfte, Gelenkwinkel und die muskuläre Aktivierung im Sinne einer komplexen Bewegungsanalyse untersucht. Den anderen Bereich, die Physiologie, haben wir über die Messung der Laktatkinetik bestimmt, um nachzuvollziehen, in welchem Umfang die energiebereitstellenden Systeme aktiviert sind. Die Probanden haben dabei verschiedene Belastungsprotokolle absolviert: einen Stufentest bis zur Ausbelastung, einen 15-sekündigen Sprinttest und einen 30-minütigen Dauertest bei der individuell berechneten anaeroben Schwelle. Die Erkenntnisse sind interessant: Vor allen Dingen die Schultermuskeln werden stark beansprucht, und je nach Belastungssituation verändert sich das Belastungsspektrum. Das können wir jetzt über Muskelaktivierung erklären. 

Die meisten Artikel sind bereits geschrieben und Sie planen, Ihre Promotion dieses Jahr abzuschließen. Womit beschäftigen Sie sich momentan?

Ich hoffe es… mein Personalausweis läuft am 20. Dezember dieses Jahres ab… (lacht). Momentan mache ich eine Studie, die mit meiner Promotion gar nichts zu tun hat. Wir untersuchen gerade das metabolische Profil im Laufen. Wir wollen bereits etablierte Parameter, wie zum Beispiel die maximale Sauerstoffaufnahme, die prozentuale Ausschöpfung der Sauerstoffaufnahme an der so genannten Laktatschwelle und die Laufökonomie mit einem „neuen“ Parameter in Verbindung setzen: der maximalen Laktatbildungsrate. Diese stellte sich im Rahmen einer Vorstudie bereits als sehr reliabel heraus. Simulationsansätze würden sagen: Je höher die Laktatbildungsrate, desto niedriger die fraktionelle Ausschöpfung. Das wollen wir nun empirisch überprüfen. Außerdem setzen wir die Laktatbildungsrate mit dem individuellen Pacing – der Geschwindigkeitsregulation im Rennen – in Verbindung. In der Praxis gibt es dazu leider noch keine Erkenntnisse.

Und die wollen Sie jetzt liefern? Wie sieht die Testung aus?

Wir führen innerhalb einer Woche alle Tests zur Bestimmung des metabolischen Profils durch, das heißt eine Messung des Körperfetts, einen Stufentest zur Bestimmung der Laufökonomie und einen Rampentest zur Bestimmung der maximalen Sauerstoffaufnahme. Diese Testbatterie haben wir um zwei Tests erweitert: Um einen 100-Meter-Sprint-Test zur Bestimmung der Laktatbildungsrate und um einen 5.000-Meter-Lauf auf Zeit zur Bestimmung des Pacings. So können wir überprüfen, was die Athleten im Endeffekt auf die Bahn bringen können und wie sich diese Performance durch das individuelle metabolische Profil erklären lässt.

Was bedeutet das für die Leistungsdiagnostik in der Zukunft?

Es würde mich freuen, wenn sich die Testbatterie, die wir entwickelt haben, auch in der Praxis etabliert. Zusätzlich auch die Laktatbildungsrate zu bestimmen, erfordert wenig Zeit und Aufwand; verbessert aber die Einschätzung der individuellen Stärken und Schwächen im Sinne des metabolischen Profils. Durch diese Erweiterung der Leistungsdiagnostik können wir besser einschätzen, wo ein Athlet steht und wie er oder sie ein Rennen angehen kann. Generell kann man aber sagen: Je kürzer die Disziplin ist, desto mehr gewinnt die Laktatbildungsrate an Bedeutung. Bei längeren Laufdistanzen wie beim Marathon, Ultramarathon oder Triathlon kann hingegen eine eher niedrigere Laktatbildungsrate von Vorteil sein. 

Werden diese neuen Erkenntnisse Teil Ihres nächsten Auftritts bei der Kölner Wissenschaftsshow am 19. Mai 2019 sein? 

Bei der Wissenschaftsshow steht die Sportart Paratriathlon und damit mein Schützling Benjamin Lenatz im Fokus. Leute, die sich schon immer gefragt haben, wie man als Rolli-Nutzer einen Triathlon machen kann und wie das für den Trainer ist, werden auf jeden Fall Einiges erfahren. Und es wird auch musikalisch, aber eher mehr in die Richtung, die meinem Athleten Benny gefällt. (lacht

Was begeistert Sie daran, Wissenschaft auf der Bühne zu präsentieren?  

Ich könnte mir kein Format vorstellen, bei dem ich meine Leidenschaft für Wissenschaft, Sport und Musik besser kombinieren kann, als beim Science Slam. Ich finde es aber generell wichtig für uns Wissenschaftler, unsere Erkenntnisse weiterzugeben. Immerhin werden wir durch öffentliche Gelder finanziert. Wenn eine künstlerische Darbietung die Leute dazu motiviert, sich weiter mit einem Thema zu beschäftigen, finde ich das toll. Wenn man einfach nur eine Tabelle zeigt, kommt vielleicht mehr Inhalt rüber, aber weniger Faszination. Beim Science Slam ist das anders. Man präsentiert dabei auch immer die eigene Faszination. Und ich denke, man darf auch nach außen tragen, dass man froh, glücklich, dankbar und eben auch fasziniert von dem ist, was man jeden Tag tut.

Interview: Marilena Werth

Quellenangaben

TitelInterview für FORSCHUNG AKTUELL
BekanntheitsgradNational
Medienbezeichnung/OutletLink zum Interview
MedienformatWeb
LandDeutschland
Datum der Veröffentlichung17.05.19
Produzent/AutorDeutsche Sporthochschule Köln / Marilena Werth
URLhttps://www.dshs-koeln.de/aktuelles/forschung-aktuell/nr-32019/personen/
PersonenOliver Jan Quittmann

Beschreibung

„Beim Science Slam kann ich meine Leidenschaft für Wissenschaft, Sport und Musik ideal kombinieren"

Wenn Oliver Jan Quittmann über Wissenschaft spricht, dann oft in einem außergewöhnlichen Umfeld. Dann steht er auf einer hübsch beleuchteten Bühne, hält die Mundharmonika an die Lippen und startet mit Musik. Oliver Jan Quittmann (27) ist Wissenschaftler, Triathlet, Trainer und Musiker. Trainingswissenschaft und Para-Sport sind seine Leidenschaft und ihm liegt viel daran, seine Begeisterung für diese Themen in die Öffentlichkeit zu tragen. Am liebsten bei einem Format, das all seine Interessen kombiniert. Im Interview gibt er einen Einblick in seine Faszination von Wissenschaft, die Forschungsprojekte, an denen er gerade arbeitet und sein Faible für das Format Science Slam. 

Herr Quittmann, Wissenschaft, Triathlon, Coaching und Musik. Eine ziemlich ungewöhnliche Kombination. Wie bekommen Sie all das unter einen Hut? 

Ich glaube, ich habe einfach das Glück, genau das machen zu dürfen, was mich täglich begeistert. Ich forsche an interessanten Fragestellungen, arbeite mit motivierten Athleten zusammen, habe nette Kolleginnen und Kollegen und unterrichte interessierte Studierende. Für mich ist das ein absoluter Traum. So entsteht eine Leidenschaft, die Vieles möglich macht. 

Besonders wichtig ist Ihnen dabei der Paralympische Sport. Wie hat ihr Engagement in diesem Bereich richtig begonnen?

Ersten Kontakt zum Paralympischen Sport hatte ich im Rahmen der Parabadminton-EM und -WM, die in meiner Heimatstadt Dortmund ausgetragen wurden. Als Linien- und Schiedsrichter habe ich die Athleten live erlebt und ihre Einstellung zum Sport hat mich sehr beeindruckt! Im November 2014, da war ich gerade zwei oder drei Monate Hilfskraft am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft, kam Benjamin Lenatz zu uns, der vom Rollstuhlbasketball zum Triathlon umsteigen wollte. Auch wenn ich mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit mit Paratriathlon beschäftigt hatte, wusste ich noch nicht, wie man das Training in dieser Startklasse gestaltet. Ich bin da also mit einer gewissen Naivität und viel Neugier reingegangen. Nach den ersten Trainingsplänen und Diagnostiken hat sich nicht nur Benny, sondern auch unsere Freundschaft weiterentwickelt. Momentan befindet er sich in der Vorbereitung auf die Paralympics in Tokio 2020.

Für Ihre Promotion forschen Sie auch im Bereich des Paralympischen Sports. Was genau haben Sie untersucht?

Ich habe Messungen im Handcycling gemacht, die sich aus zwei Bereichen zusammensetzen. Der eine Bereich ist die Biomechanik. Hier haben wir die Kräfte, Gelenkwinkel und die muskuläre Aktivierung im Sinne einer komplexen Bewegungsanalyse untersucht. Den anderen Bereich, die Physiologie, haben wir über die Messung der Laktatkinetik bestimmt, um nachzuvollziehen, in welchem Umfang die energiebereitstellenden Systeme aktiviert sind. Die Probanden haben dabei verschiedene Belastungsprotokolle absolviert: einen Stufentest bis zur Ausbelastung, einen 15-sekündigen Sprinttest und einen 30-minütigen Dauertest bei der individuell berechneten anaeroben Schwelle. Die Erkenntnisse sind interessant: Vor allen Dingen die Schultermuskeln werden stark beansprucht, und je nach Belastungssituation verändert sich das Belastungsspektrum. Das können wir jetzt über Muskelaktivierung erklären. 

Die meisten Artikel sind bereits geschrieben und Sie planen, Ihre Promotion dieses Jahr abzuschließen. Womit beschäftigen Sie sich momentan?

Ich hoffe es… mein Personalausweis läuft am 20. Dezember dieses Jahres ab… (lacht). Momentan mache ich eine Studie, die mit meiner Promotion gar nichts zu tun hat. Wir untersuchen gerade das metabolische Profil im Laufen. Wir wollen bereits etablierte Parameter, wie zum Beispiel die maximale Sauerstoffaufnahme, die prozentuale Ausschöpfung der Sauerstoffaufnahme an der so genannten Laktatschwelle und die Laufökonomie mit einem „neuen“ Parameter in Verbindung setzen: der maximalen Laktatbildungsrate. Diese stellte sich im Rahmen einer Vorstudie bereits als sehr reliabel heraus. Simulationsansätze würden sagen: Je höher die Laktatbildungsrate, desto niedriger die fraktionelle Ausschöpfung. Das wollen wir nun empirisch überprüfen. Außerdem setzen wir die Laktatbildungsrate mit dem individuellen Pacing – der Geschwindigkeitsregulation im Rennen – in Verbindung. In der Praxis gibt es dazu leider noch keine Erkenntnisse.

Und die wollen Sie jetzt liefern? Wie sieht die Testung aus?

Wir führen innerhalb einer Woche alle Tests zur Bestimmung des metabolischen Profils durch, das heißt eine Messung des Körperfetts, einen Stufentest zur Bestimmung der Laufökonomie und einen Rampentest zur Bestimmung der maximalen Sauerstoffaufnahme. Diese Testbatterie haben wir um zwei Tests erweitert: Um einen 100-Meter-Sprint-Test zur Bestimmung der Laktatbildungsrate und um einen 5.000-Meter-Lauf auf Zeit zur Bestimmung des Pacings. So können wir überprüfen, was die Athleten im Endeffekt auf die Bahn bringen können und wie sich diese Performance durch das individuelle metabolische Profil erklären lässt.

Was bedeutet das für die Leistungsdiagnostik in der Zukunft?

Es würde mich freuen, wenn sich die Testbatterie, die wir entwickelt haben, auch in der Praxis etabliert. Zusätzlich auch die Laktatbildungsrate zu bestimmen, erfordert wenig Zeit und Aufwand; verbessert aber die Einschätzung der individuellen Stärken und Schwächen im Sinne des metabolischen Profils. Durch diese Erweiterung der Leistungsdiagnostik können wir besser einschätzen, wo ein Athlet steht und wie er oder sie ein Rennen angehen kann. Generell kann man aber sagen: Je kürzer die Disziplin ist, desto mehr gewinnt die Laktatbildungsrate an Bedeutung. Bei längeren Laufdistanzen wie beim Marathon, Ultramarathon oder Triathlon kann hingegen eine eher niedrigere Laktatbildungsrate von Vorteil sein. 

Werden diese neuen Erkenntnisse Teil Ihres nächsten Auftritts bei der Kölner Wissenschaftsshow am 19. Mai 2019 sein? 

Bei der Wissenschaftsshow steht die Sportart Paratriathlon und damit mein Schützling Benjamin Lenatz im Fokus. Leute, die sich schon immer gefragt haben, wie man als Rolli-Nutzer einen Triathlon machen kann und wie das für den Trainer ist, werden auf jeden Fall Einiges erfahren. Und es wird auch musikalisch, aber eher mehr in die Richtung, die meinem Athleten Benny gefällt. (lacht

Was begeistert Sie daran, Wissenschaft auf der Bühne zu präsentieren?  

Ich könnte mir kein Format vorstellen, bei dem ich meine Leidenschaft für Wissenschaft, Sport und Musik besser kombinieren kann, als beim Science Slam. Ich finde es aber generell wichtig für uns Wissenschaftler, unsere Erkenntnisse weiterzugeben. Immerhin werden wir durch öffentliche Gelder finanziert. Wenn eine künstlerische Darbietung die Leute dazu motiviert, sich weiter mit einem Thema zu beschäftigen, finde ich das toll. Wenn man einfach nur eine Tabelle zeigt, kommt vielleicht mehr Inhalt rüber, aber weniger Faszination. Beim Science Slam ist das anders. Man präsentiert dabei auch immer die eigene Faszination. Und ich denke, man darf auch nach außen tragen, dass man froh, glücklich, dankbar und eben auch fasziniert von dem ist, was man jeden Tag tut.

Interview: Marilena Werth

Zeitraum17.05.2019

ID: 3998342

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