Gymnastik als reflexive Bewegungspraxis

Projekt: Eigenfinanziert

Forschungsziel

Kann eine Gymnastik eine reflexive und somit bildende Tätigkeit sein ?
Ist die Gymnastik als Tätigkeit trainings- oder lernorientiert ?

Methode

Was ist/meint Gymnastik?

Der Begriff tritt als Bezeichnung einer Bewegungspraxis meist in ganz bestimmten Kontexten in Erscheinung. Der klassische Sportverein ist ein Ort: Hier finden wir die Bezeichnungen Wirbelsäulen-, Rücken- oder Beckenbodengymnastik - wie die Präfixe offenbaren - als orthopädisch orien-tierte, wahlweise präventiv oder rehabilitativ gemeinte Zwecktätigkeit. Vornehmlich kommerzielle Anbieter haben aktuell-gesellschaftlich angepasste neue Bezeichnungen für die gleichen Bewegungspraktiken entworfen resp. tat-sächlich neue Praktiken entwickelt. Die gymnastische Tätigkeit wird hier – unter verschiedenen Schwerpunktsetzungen – als Training / Workout aufgefasst.
Im Schul- bzw. Hochschulkontext aber auch in Form alternativer körperorien-tierter Bewegungspraktiken (Feldenkrais, Alexander-Technik,
Body-Mind-Centering,Yoga…) begegnen wir noch einer anderen Lesart der gymnastischen Tätigkeit: Das Lernen von Bewegung ist neben dem auf kondi-tionelle Aspekte fokussierende Trainieren als Zieldimension ausgemacht. Die Gewichtung dieser Dimensionen ist in den Praktiken verschieden: In der Me-thode Feldenkrais wird beispielsweise das Trainieren gänzlich abgelehnt, wäh-rend z.B. im Yoga beide Dimensionen – wenn auch implizit – nebeneinander existieren. Im Schul- bzw. Hochschulkontext ist die Gymnastik unterrichtsprak-tisch immer noch geprägt durch eine „hermeneutische Tradition“ ohne jedoch seit der Entstehung der Sportwissenschaften „einen Ort in der Forschungsarbeit der Universitäten“ gefunden zu haben (vgl. Prohl 1990, 119). Wir haben es mit einer Praktik zu tun, die keine eigene Theorieauseinandersetzung (mehr) hat, es sei denn, es werden ihr Theorien angehängt – der Kraftentwicklung, der Dehnfähigkeit - die dann wiederum nicht mehr zur „überlieferten“ ehemals hermeneutisch geleiteten elaborierten eher experimentellen, auf Ausprobieren angelegten Praxis passen. Und genau diese Situation macht die Gymnastik zu einem besonders prägnanten Beispiel für das Auseinanderdriften von sportpä-dagogischen und bewegungswissenschaftlichen Sichtweisen auf Bewegung, wie dies Scherer als eine Ursache des Theorie-Praxis-Problems ausmacht (vgl. Sche-rer 2013).
Wenn ein Verstehen / Reflektieren-Können von Bewegungstätigkeit Zieldimen-sion der Gymnastik sein soll, wie ist dies theoretisch zu fundieren und dann methodisch-didaktisch auszugestalten? Die Gymnastik ist eine Praktik in der die Bewegung als solche im Mittelpunkt des Geschehens steht. Wie kann man hier von einem Bildungswert sprechen, der nicht primär die Bildung von Mus-keln fokussiert? Ein Auffinden von Bildungsprozessen in der Bewegung selbst und nicht um die Bewegung herum nimmt D. Temme vor: Die Autorin über-trägt den tätigkeitstheoretischen Ansatz der kulturhistorischen Schule der Psychologie auf menschliche Bewegung: In einem logischen Zugleich von Sinn der Bewegung und dem körperlichen Bewegungsvollzug derselben ist Bewegung als solche als Ort von Bildungsprozessen denkbar (Temme 2013). Damit ist es möglich, die Praxis der Gymnastik jenseits von trainingszielfokussierten Verkürzungen theoretisch zu so konzipieren, dass sie als Ermöglichungsort für eine Bewegungsgebildetheit fassbar ist.

StatusNicht begonnen

ID: 1409433

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