Anforderungen an Wanderleitsysteme in alpinen Destinationen: Eine Analyse der Wandernden am Fallbeispiel des Stubaitals in Tirol

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Alpine Destinationen erfahren einen hohen Nutzungsdruck durch Erholungssuchende und Sporttreibende. Besonders das Wandern erfreut sich bei einer breiten Zielgruppe nicht zuletzt aufgrund der Covid-19 Pandemie großer Beliebtheit. Die vermehrte Nachfrage macht sich ebenfalls in den Zahlen der alpinen Unfallstatistik bemerkbar. Vor dem Hintergrund der Unfallprävention, der Sicherung der Erholungsqualität und des Naturschutzes sind angepasste Strategien zur besseren Information und Lenkung von Wandernden notwendig. Ziel der vorliegenden Forschungsarbeit ist es, nutzungsbasierte Anforderungen an Wanderleitsysteme in alpinen Destinationen zu formulieren. Für die Ermittlung einer bedarfsgerechten Aktivitätslenkung wurden am Fallbeispiel des Stubaitals in Tirol sporttouristische Bergwandernde hinsichtlich ihrer Soziodemographie, Wandererfahrung und -fähigkeiten, Motivation und Tourenplanung sowie ihres raumzeitlichen Verhaltens untersucht und die Ergebnisse auf Diskrepanzen hin analysiert. In einem dreiwöchigen Erhebungszeitraum innerhalb der touristischen Hauptsaison des Sommers 2020 wurden 366 Wandergruppen bzw. Einzelwandernde zu Beginn ihrer Wanderung an zwei ausgewählten Standorten befragt. Anschließend wurden die Wanderungen mittels GPS-Logging aufgezeichnet und die Proband*innen nahmen an einer Post-Befragung teil. Ergänzt wurden die Daten aus der Zielgebietserhebung durch Informationen zu geographischen Merkmalen des Stubaitals aus einer Geodatenbank des Untersuchungsgebiets.Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, dass in allen Altersklassen, geschlechtsunabhängig und mehrheitlich in der Gruppe gewandert wird. Die Altersgruppe der 20- bis 40-Jährigen war mit rund einem Drittel vertreten und das Durchschnittsalter lag bei 41 Jahren. Der wichtigste Beweggrund zum Wandern ist das Naturerlebnis gefolgt von dem Motiv der Geselligkeit. Ein Drittel der Stichprobe sind zudem Anfänger*innen mit kaum Bergwandererfahrung und ohne Gebietskenntnis. Außerdem führten 12 Prozent der Befragten keinerlei Tourenplanung durch. Über die Wanderung wurde sich gleichermaßen über digitale Medien und Printmedien informiert. Wenn sich digital informiert wurde, dann am häufigsten über die Website der Region. Während der Wanderung wird die analoge Orientierung anhand der Wegbeschilderung präferiert (58%). 13 Prozent verwenden ergänzend das Smartphone zur Navigation. Die Schwierigkeit der Wanderung wurde höchst signifikant in der Planung unterschätzt, t(351) = 17.42, p < .001, d = 0.92, n = 352. Dabei wurden die Wanderfähigkeiten der unerfahrensten Begleitperson stärker überschätzt, t(339) = 9.83, p < .001, d = 0.53, n = 340, als die der tourenverantwortlichen Person, t(361) = 6.49, p < .001, d = 0.34, n = 363. Ferner verliefen 50 Prozent der Wanderungen nicht erwartungsgemäß. Gründe dafür waren u. a. körperliche Beschwerden, Wetterbedingungen, wahrgenommene Einschränkungen aufgrund von Kindern oder Hunden, mangelnde Wegweisung sowie Über- bzw. Unterforderung. Anhand der Resultate wird am Fallbeispiel des Stubaitals veranschaulicht, dass sporttouristische Bergwandernde vielfältig sind und dass das Wandern eine überwiegend soziale Aktivität zu sein scheint. Letzteres könnte aufgrund der Covid-19 Pandemie bedeutsamer geworden zu sein. Zudem verdeutlichen die Zahlen der Anfänger*innen der untersuchten Stichprobe die steigende Beliebtheit des Wanderns in den Alpen. Gleichzeitig ist der Großteil der Befragten nicht in einem Verein organisiert. Die fehlende Erfahrung spiegelt sich ebenfalls in der mangelnden Tourenplanung wider. Demnach müssen vor allem unerfahrene Bergwandernde besser informiert werden über die Schwierigkeit der Bergwege und deren Anforderungen. Außerdem bedarf es einer intensiveren Sensibilisierung zur sorgfältigen Tourenplanung, in der insbesondere der soziale Aspekt des Wanderns stärker berücksichtigt werden sollte. Grundlegend für eine realistische Selbsteinschätzung der Wanderfähigkeiten und eine entsprechende Tourenplanung könnten eine einheitliche und eindeutige Schwierigkeitsklassifizierung von Wanderwegen in den Alpen sowie ein definiertes Anforderungsprofil sein. Ferner beginnt die Lenkung von Erholungssuchenden bereits in der Informationsphase vor dem eigentlichen Aufenthalt in der Destination. Entsprechend sollte ein Wanderleitsystem als ein ganzheitliches Leitsystem verstanden werden, welches die Nutzer*innen über alle Phasen der Wegfindung (beg)leitet. Besonders die Website der jeweiligen alpinen Destination könnte Potential zur Aufklärung bieten. In der Aufenthaltsphase könnten Touristeninformationen verstärkt als Kompetenzzentren auftreten und Ausgangsorte sowie Aufenthaltsorte der Wanderung hinsichtlich der Informations- und Orientierungstafeln optimiert werden. Die Erlebnisphase der Wanderung empfiehlt es sich für ein ungestörtes Naturerlebnis analog zu halten und eine hohe Qualität in der Beschilderung anzustreben.
Titel in ÜbersetzungRequirements for hiking guidance systems in alpine destinations: An analysis of hikers using the example of the Stubaital in Tyrol
OriginalspracheDeutsch
ErscheinungsortKöln
VerlagDeutsche Sporthochschule Köln
Seitenumfang166
PublikationsstatusVeröffentlicht - 2021

Publikationsreihe

NameSchriftenreihe Outdoor Sport und Umweltforschung
Band35
ISSN (Print)1612-2437

ID: 6401974

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