Autobiografische Formen des Selbstmanagements bei Bühnentänzerinnen und Bühnentänzern

Publikationen: Buch/BerichtDissertationsschriftForschung

AutorInnen

  • Laura Bettag

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Zusammenfassung Entgegen stereotyper Auffassungen über den Bühnentanz klassischer Prägung entwickeln Bühnentänzer/innen mit klassischem Ausbildungshintergrund spezifische Vor-stellungen über sich als Tänzer/in und die Bedeutung ihres Tanzens für die eigene Persönlichkeitsentwicklung. In Bezug auf das berufliche Selbstkonzept wurden Verbaldaten zu drei Berufsphasen erhoben: • Ausbildungsphase: Studierende einer führenden Ausbildungsstätte des klassischen Tanzes (Transkriptionen nach einer Fernsehdokumentation des Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris von 2005) • Berufsphase: derzeit aktive Bühnentänzer/innen an deutschsprachigen Theatern (schriftliche Beantwortungen eines Fragebogens 2009) • Choreografiephase: ehemalige Bühnentänzer/innen, die ein autobiografisches Werk zur Aufführung gebracht haben, das sich mit ihrer Ausbildungs- und Berufsphase auseinandersetzt (Transkriptionen der Interviews 2009). Die Selbstbeschreibungen zum Aufbau des Berufszieles Bühnentänzer/in, der Erlangung und dem Erhalt einer Tätigkeit im Theaterbetrieb, das künstlerische Selbstverständnis und die berufliche Zukunftsgestaltung in der Welt des Tanzes wurden in einer explorativen Pilotstudie qualitativ ausgewertet. Erfolgreiche Bühnentänzer/innen entwickeln in der Regel von Kindheit an selbstständig professionelle Ziele, die sie kleinschrittig und konsequent zu erreichen suchen.Trotz häufiger körperlicher Einschränkungen und potentieller psychischer Belastungssituationen favorisieren sie realitätsorientierte Lebenseinstellungen und einen rational geprägten Verbalisierungsstil. Reichen berufliche Anstrengung und adaptive Copingstrategien zum Stressmanagement nicht aus, um das eigene Tanzen als Lebensmittelpunkt zu erhalten, wird die bisherige Fokussierung um geeignete lebensweltliche Elemente erweitert. Entsprechende Selbstreflexionen können insbesondere in der Übergangsphase vom Tanz zur Choreografie in einer autobiografischen Choreografie ihren Ausdruck finden. Hier erweist sich die Lebensführung umso mehr als komplexes und auf früheren Erfahrungen aufbauendes Selbstmanagement, das durch spezifische tanzbezogene Faktoren (z.B. die Entwicklung einer Lebensphilosophie) differenziert ausgestaltet wird. Bewusster als bei der Gruppe der aktiven Bühnentänzer/innen wird das eigene Tanzen auch mit therapeutischen Vorstellungen verbunden. Partiell lassen sich gesundheitlich selbstsorgende Aspekte erkennen, die Parallelen zur Selbstmanagement-Therapie nach Kanfer/ Reinecker (aktives Problemlösen), der pädagogischen Kunsttherapie nach Richter-Reichenbach (biografische Selbstthematisierung im Kunstwerk) und der Lebenskunstphilosophie (in der Diskussion der Selbstformung nach Kipke) aufweisen. Aus autobiografischen Reflexionen werden so Ressourcen der Lebensbewältigung gewonnen, auf die bei persönlichen Grenzerfahrungen stabilisierend zurückgegriffen werden kann. Gleichzeitig bilden sie eine wesentliche Grundlage der künstlerischen Gestaltung, aus der im Arbeits-, Aufführungs- und Rezeptionsprozess retrospektiv Erkenntnisse und zukünftige Orientierungen hervorgebracht werden. Notwendige persönliche Veränderungen und Neugewichtungen künstlerischer und lebensweltlicher Herausforderungen über den Tanz zu reflektieren und dies zu kommunizieren, unterstützt das Erleben von Kongruenz innerhalb der Berufsidentität auch über das Ende der Bühnentanzkarriere hinaus. Gelingendes autobiografisches Selbstmanagement bei Bühnentänzerinnen und Bühnentänzern hängt davon ab, wie autonom die eigenen künstlerischen und lebensweltlichen Bedingungen über einen möglichst langen Zeitraum in Einklang zu bringen sind. Die Entwicklung von Distanzierungsfähigkeit gegenüber selbstschädigenden Effekten spielt dabei eine zentrale Rolle.

Abstract Contrary to stereotypical views on classical stage dance, dancers with a classical training background develop specific perceptions about themselves as dancers and the relevance of their dance for their own personality development. To define the professional dancers’ self-concept, verbal data has been gathered. Qualitative methods have been applied to three study groups: • Educational Phase: young students of a leading educational institution of classical dance (transcriptions from a television documentary of the Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris in 2005) • Professional Phase: current active stage dancers at German theatres (written responses to a questionnaire in 2009) • Choreography Phase: former stage dancers, who have demonstrated autobiographical work, dealing with their training and professional phases (transcriptions of interviews in 2009). The exploratory pilot study analyses mainly retrospective descriptions of the dancer’s career path, obtaining and maintaining a position in the theatre, the artistic self-understanding and the career outlook in the world of dance. Successful stage dancers usually develop, from childhood, clear career goals which they seek to achieve consistently step-by-step. Despite frequent physical limitations and potential psychological stress situations, they favour a realistic attitude to life and a rational style of verbalisation. If professional effort and adaptive coping strategies for stress management are not sufficient to maintain their own dancing in the centre of their life, appropriate lifeworld elements will complement the previous focus. Respective self-reflections can be found in particular in the transition from dance to choreography expressed as autobiographical choreography. Here the lifestyle is proving all the more complex and based on previous self-management experience, which is developed comprehensively and by dance-oriented factors (e.g. the specific representation of a life philosophy). Compared to group 2 the dancing is more aware of the idea of a therapeutic and self-caring component. Parallels with the self management therapy can be partially seen here after Kanfer/Reinecker (active problem solving), educational art therapy according to Richter-Reichenbach (biographical self-thematisation in artwork), and the philosophy of art of living (in the representation of continuous self-forming by Kipke). From autobiographical reflections biographical resources are extracted, which can have a stabilizing effect in critical life events. At the same time, they form the basis of artistic creation, which are produced in the work, performance and its reception of biographical evidence and future directions. Necessary changes and adjustments of artistic and personal lifeworld challenges to reflect on the dance and to communicate this, the experience of congruence in the professional identity extends beyond the professional dance career phase. Successful autobiographical self-management of stage dancers depends on bringing one's own autonomous artistic and everyday life over a potentially long period. The development of this distancing ability to self-defeating effects plays a central role.
OriginalspracheDeutsch
ErscheinungsortKöln
Herausgeber/inDeutsche Sporthochschule Köln
Seitenumfang21
PublikationsstatusVeröffentlicht - 2011

Bibliographische Notiz

Auch in: Musik-, Tanz- und Kunsttherapie; 21,4

ID: 2469560

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