Effekte akuter Ausdauerbelastungen auf nachfolgende Interferenzkontrollleistungen bei jungen, gesunden Erwachsenen

Publikationen: Buch/BerichtDissertationsschriftForschung

AutorInnen

  • Max Oberste-Frielinghaus

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Einmalige Ausdauerbelastungen können anschließende kognitive Leistungen verbessern. Doch gilt dies auch für junge, gesunde Erwachsene, die sich auf dem Höhepunkt ihrer körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit befinden? Einige Wissenschaftler halten das für unwahrscheinlich. Sie bezweifeln, dass bei jungen, gesunden Erwachsenen noch Potentiale für kurzfristige, kognitive Leistungszuwächse bestehen. Die Vertreter dieses Standpunktes erklären die in der Literatur existierenden, positiven Effekte als Resultat von Verzerrungen, die aufgrund methodischer Schwächen der betreffenden Studien entstehen sollen. Als zentrale methodische Kritikpunkte werden aufgeführt: (i) Der Einsatz passiver Kontrollgruppen (bspw. Warten, Lesen oder Fernsehen), gegen die die einmalige Ausdauerbelastung hinsichtlich nachfolgender kognitiver Benefits getestet wird; (ii) die nicht-Beachtung von möglichen Lerneffekten beim Einsatz von kognitionspsychologischen Testverfahren (keine Gewöhnung an die Testverfahren im Vorfeld der Untersuchung); (iii) die Verwendung von Testvariablen mit zweifelhafter Gültigkeit (bspw. keine Trennung der basalen Informationsverarbeitungskapazität von der eigentlich im Fokus der Studie stehenden kognitiven Leistungskomponente)
In dieser Arbeit wird explizit untersucht, ob die genannten methodischen Kritikpunkte die Ergebnisse von Studien zum Effekt akuter Ausdauerbelastungen auf nachfolgende kognitive Leistungen verzerren. Dabei stehen die Effekte einer einmaligen Ausdauerbelastung auf nachfolgende Interferenzkontrollleistungen bei jungen, gesunden Erwachsenen im Fokus. Die Interferenzkontrolle ist eine kognitive Subdomäne. Sie ist Teil der exekutiven Funktionen und beschreibt die Fähigkeit, Verarbeitungskonflikte, die zwischen einem Ziel-Stimulus und Störreizen auftreten, zu kontrollieren. Die Interferenzkontrolle wird exklusiv in dieser Arbeit behandelt, weil sie die mit Abstand am meisten untersuchte kognitive Subdomäne im Akutbelastungs-Kognitions-Paradigma ist. Nur diese breite empirische Datenbasis ermöglicht meta-analytische Moderatorenanalysen zum Einfluss der methodischen Kritikpunkte.

Die vorliegende Arbeit berichtet von zwei Studien und einem Review. In der ersten Studie wurde versucht, die (zum T eil) in der Literatur berichteten, positiven Effekte akuter Ausdauerbelastungen auf nachfolgende Interferenzkontrollleistungen bei jungen, gesunden Erwachsenen zu replizieren. Die oben genannten, methodischen Mängel wurden dabei jedoch vermieden. Die Ergebnisse der Studie konnten positive Effekte akuter Ausdauerbelastungen auf nachfolgende Interferenzkontrollleistungen nicht bestätigen.
Um zu überprüfen, ob die nicht-Replizierbarkeit positiver Effekte auf die Verwendung passiver Kontrollgruppen in existierenden Studien zurückzuführen ist, wurde eine zweite Studie durchgeführt. Diese erfasste die Erwartungen, die junge, gesunde Erwachsene an passive Kontrollgruppenbehandlungen und an akute Ausdauerbelastungen hinsichtlich kognitiver Benefits haben. Erwartungen sind wirkungsmächtig, da sie das Verhalten der Probanden beeinflussen können. Man spricht dann von Placebo-Effekten. Anders als vermutet, zeigten sich jedoch keine höheren Erwartungen an akute Ausdauerbelastungen als an passive Kontrollgruppenbehandlungen.
In einem abschließenden systematischen Review mit Meta-Analyse konnte gezeigt werden, dass der Effekt akuter Ausdauerbelastungen auf nachfolgende Interferenzkontrollleistungen bei jungen, gesunden Erwachsenen zwar signifikant aber lediglich klein ist. Die geringe Größe des Effekts kann die Nicht-Replizierbarkeit positiver Effekte in der ersten Studie erklären. Die statistische Power der ersten Studie war zu gering, um einen signifikanten, kleinen Effekt zu zeigen. Eine meta-analytische Moderatorenanalyse im Rahmen des systematischen Reviews machte außerdem deutlich, dass keines der oben aufgeführten methodischen Mängel den Effekt akuter Ausdauerbelastungen auf nachfolgende Interferenzkontrollleistungen moderiert.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass einmalige Ausdauerbelastungen selbst bei jungen, gesunden Erwachsenen Interferenzkontrollleistungen verbessern können. Die oben genannten methodischen Kritikpunkte können die positiven Effekte nicht erklären. Der Effekt ist jedoch lediglich klein. Die Alltagsrelevanz belastungsinduzierter Verbesserungen der
Interferenzkontrollleistung bei jungen, gesunden Erwachsenen dürfte daher gering sein. In Situationen mit sehr hohen Anforderungen an die Interferenzkontrollleistung, wie bspw. im eSport Bereich, könnten kleine Vorteile jedoch bereits einen entscheidenden Unterschied bedeuten. Andere Zielgruppen, die bereits unter kognitiven Leistungsminderungen leiden, könnten hinsichtlich kognitiver Benefits erheblich stärker von akuten Ausdauerbelastungen profitieren.
OriginalspracheDeutsch
ErscheinungsortKöln
Herausgeber/inDeutsche Sporthochschule Köln
Seitenumfang68
PublikationsstatusVeröffentlicht - 2020

Bibliographische Notiz

Kumulative Dissertation

ID: 5447510

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