Funktionale Institutionen-Bildung in der Anti-Dopingpolitik der Bundesrepublik Deutschland: Akteureinflüsse, Akteurkonstellationen, Akteurinteraktionen

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War der sportliche Wettkampf während des Kalten Krieges ein zentrales Feld des Kräftemessens zwischen den Systemen in Ost und West, so stellt sich nun die Frage, ob die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte mit der Verankerung eines klaren Bekenntnisses gegen Doping und der Ausbildung funktionaler Institutionen und Regularien gleichzusetzen sind. Zwar überwiegt in der Öffentlichkeit das Interesse am Einzelfall – die Fokussierung auf den Skandal, die Empörung über den „Betrug“ durch bekannte Athleten – oder die Resignation darüber, dass „kein Sportler mehr sauber“ ist. Doch im Hintergrund geht es um grundsätzliche gesellschaftliche und politische Fragen. Ausgehend von der bisherigen sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Doping, insbesondere den systemtheoretischen Überlegungen von Bette zur Analyse von Doping als Konstellationsphänomen und der ökonomisch-spieltheoretischen Bewertung von Doping als dominanter Strategie, stellt diese Arbeit den Versuch einer politikwissenschaftlichen Annäherung dar. Als Rahmenkonzept wird dafür auf die Überlegungen von Scharpf zum Akteurzentrierten Institutionalismus zurückgegriffen, um staatliche Gesetze und die Regeln des Sports in einen gemeinschaftlichen Bezugsrahmen zu setzen und ihre Entwicklung im Zusammenhang zu betrachten. Unter Zuhilfenahme eines strukturalistischen Machtbegriffs sowie von Netzwerküberlegungen und Aspekten des Veto-Spieler-Ansatzes wird versucht, die Frage nach der Ausbildung funktionaler Institutionen – im Sinne allgemeinverbindlicher Regeln für Sport und Staat – mithilfe einer mehrdimensionalen Analyse der Positionen, Konstellationen und Interaktionen der beteiligten Akteure zu beantworten.
Dabei prüft die Arbeit die folgenden drei Hypothesen:
1. Da sich die Anti-Dopingpolitik im Schnittfeld von Sport und Staat abspielt, lässt sich aus dem institutionellen Kontext eine Vielzahl relevanter Akteure ableiten, die über unterschiedliche Machtressourcen verfügen.
2. Die Struktur des Policy-Netzwerkes bedingt eine hohe Veränderungsresistenz. Die Akteurkonstellationen in der Anti-Dopingpolitik können am besten mit spieltheoretischen Modellen beschrieben werden, die für konsensuale Lösungen eine hohe Auszahlung vorsehen.
3. Die Akteurinteraktionen erfolgen auf dem Wege der Verhandlung bzw. des distributiven Bargainings. Die Delegation der vollständigen Zuständigkeit auf eine
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unabhängige Kontrollinstanz sowie eine ausreichende Finanzierung der Arbeit dieser Kontrollinstanz sind höchst unwahrscheinlich.
Zum Zwecke der Hypothesenprüfung werden zunächst die maßgeblichen Akteure des Politikfeldes identifiziert und ihre Positionen sowie Machtressourcen eruiert, basierend auf Interviews mit Experten und Entscheidungsträgern aus Politik und organisiertem Sport sowie der Auswertung schriftlicher Quellen – insbesondere aus Bundestag, Sportausschuss und Parteien- und Verbandsarchiven. Dabei werden die Akteure in drei unterschiedliche Kategorien eingeteilt: Strategische Akteure im nationalen Zusammenhang (Bundesregierung, Bundesländer, Parteien, DOSB und NADA), Akteurgruppen ohne Gemeinschaftsstrategie (Athleten, Rechtsexperten, Sponsoren und Medien) sowie Strategische Akteure im internationalen Zusammenhang (WADA, IOC, EU, Europarat, UNESCO).
In der Folge konzentriert sich die Arbeit auf aktuelle Entwicklungen in Bezug auf zwei der zentralen Fragen der Anti-Dopingpolitik in Deutschland: die Finanzierung der Nationalen Anti Doping Agentur sowie die Notwendigkeit, ein eigenständiges Anti-Doping-Gesetz zu erlassen. Während sich die Annahme bewahrheitet, dass in der deutschen Anti-Dopingpolitik eine Vielzahl an Akteuren mit unterschiedlichen Machtressourcen aktiv ist, muss die Vermutung, dass konsensuale Lösungen das Politikfeld dominieren, zumindest hinterfragt werden. Dies gilt insbesondere für die Zeit zwischen 2013 und 2017, in der sich der Konflikt um die Finanzierung der Dopingbekämpfung zu einem Chicken-Spiel und die Frage einer eigenständigen Dopinggesetzgebung zu einem Gefangenendilemma entwickelt haben. Keine dieser Konstellationen begünstigt eine konsensuale Einigung der Akteure. Auch die Hypothese, dass Verhandlung bzw. distributives Bargaining die Akteursinteraktionen dominiert, lässt sich in Anbetracht der diagnostizierten konfrontativen Strategie der Bundesregierung bei der Einführung des Anti-Doping-Gesetzes nicht aufrechterhalten.
In Bezug auf die übergeordnete Fragestellung, ob eine funktionale Institutionen-Bildung in der Anti-Dopingpolitik der Bundesrepublik Deutschland stattfindet, kommt diese Arbeit zu dem Schluss, dass die Institutionen-Bildung stark von Kosten-Nutzen-Überlegungen abhängt: So wird deutlich, dass die erfolgte Einigung auf ein Anti-Doping-Gesetz keinesfalls den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt, sondern vielmehr das Resultat einer klaren Entscheidung für ein weiteres institutionelles Konstrukt ist. Gleichzeitig existiert jedoch noch immer keine bindende und langfristige vertragliche Vereinbarung darüber, welchen genauen Anteil die jeweiligen Akteure an der Finanzierung der Dopingbekämpfung tragen müssen.
OriginalspracheDeutsch
ErscheinungsortKöln
Herausgeber/inDeutsche Sporthochschule Köln
Seitenumfang338
PublikationsstatusVeröffentlicht - 2017

ID: 4623290

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