Methodologische Herausforderungen in der Erfassung körperlicher Aktivität: Implikationen für Wissenschaftspraxis und Forschung

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Die präzise Messung von körperlicher Aktivität stellt die Basis für die Untersuchung von Dosis-Wirkungs-Beziehungen und der daraus abgeleiteten Maßnahmen in der bewegungsorientierten Prävention und Rehabilitation dar. Im Laufe der Zeit sind dafür verschiedene Messinstrumente entwickelt worden, die sich in der Art und Weise der Erfassung von körperlicher Aktivität unterscheiden und dadurch verschiedene Stärken und Schwächen hinsichtlich der Validität und Anwendbarkeit aufweisen. Die vorliegende kumulative Dissertation stellt daher die übergeordnete Frage, welches Optimierungspotential es innerhalb der Operationalisierung von körperlicher Aktivität gibt. Zur Beantwortung dieser Frage wurden drei Studien durchgeführt:
In Studie Nr. 1 wurde mithilfe eines Reviews die methodische Grundlage der derzeitigen Erkenntnisse zu effektiven Bewegungsförderungsmaßnahmen in der erwachsenen Bevölkerung untersucht. Es stellte sich heraus, dass die Mehrheit der 33 eingeschlossenen Interventionsstudien ein qualitativ hochwertiges Studiendesign in Form von randomisierten kontrollierten Studien aufweist, in der Operationalisierung von körperlicher Aktivität in den meisten Fällen jedoch überwiegend auf Fragebogendaten zurückgreift – insbesondere bei Studien mit großen Stichproben. Die Akzelerometrie, die als präziseres Messinstrument für die Erfassung von Bewegungsumfängen und -intensitäten gilt, wird vorrangig in Studien mit weniger als 100 Probanden angewandt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die derzeitige Studienlage aufgrund der eingesetzten, als unpräzise geltenden Fragebögen, weiteren Forschungsbedarf aufweist, um die bisherigen Erkenntnisse mit präziseren Messinstrumenten zu bestätigen. Gleichzeitig deutet der geringe Einsatz der Akzelerometrie darauf hin, dass hier eine Herausforderung hinsichtlich der Anwendbarkeit besteht, die es zu überwinden gilt.
Studie Nr. 2 untersuchte mittels einer zweiwöchigen Cross-over Studie (n = 54; 57,4% weiblich; 28,3 ± 12,2 Jahre alt) die Auswirkungen bildlicher Darstellungen (Show Cards) von körperlicher Aktivität auf die Präzision der Selbstauskünfte im Global Physical Activity Questionnaire (GPAQ). Während eine Gruppe nach der ersten Woche zunächst den GPAQ mit den Show Cards (GPAQ+) und eine Woche später ohne diese Bilder (GPAQ-) ausfüllte, war das Prozedere bei der zweiten Gruppe umgekehrt. Im Vergleich mit den Daten, die mittels Akzelerometrie (Actigraph GT3X+) parallel erfasst wurden, konnte kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den beiden GPAQ-Versionen identifiziert werden. Die Abweichungen zu den Akzelerometerdaten lagen für beide Versionen bezüglich der moderaten und intensiven körperlichen Aktivität zwischen 21,2 und 35,2 Min/Tag. Zudem korrelierten die Daten beider GPAQ-Versionen jeweils ähnlich moderat mit denen der Akzelerometrie in Bezug auf intensive körperliche Aktivität (rho = 0,31–0,42). Entsprechend konnte keine positive Auswirkung der Show Cards auf die Präzision der Angaben im Fragebogen ausgemacht werden. Stattdessen deuten die Daten weiterhin auf die Diskrepanz zwischen den unterschiedlichen Messmethoden hin.
Studie Nr. 3 überprüfte den Einfluss der Rekrutierungsmethode auf die Anwendbarkeit der Akzelerometrie in Hinblick auf die resultierende Stichprobe und die resultierenden Daten. Dafür wurden zwei unterschiedliche Rekrutierungsmethoden für Probanden zweier Primärstudien zur Bewegungsförderung im Berufskolleg gegenübergestellt. In der aktiven Rekrutierung (AR; n = 30; 73,3% weiblich; 21,8 ± 5,2 Jahre alt) konnten sich Probanden innerhalb der Studie freiwillig für eine zusätzliche Datenerhebung mittels Akzelerometrie melden. In der passiven Rekrutierung (PR; n = 52; 53,4% weiblich; 20,5 ± 2,9 Jahre alt) erfolgte das Einverständnis zur Datenerhebung mittels Akzelerometrie mit der Teilnahme an der Primärstudie. Hinsichtlich der resultierenden Stichproben sowie der resultierenden Aktivitätsdaten konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Rekrutierungsverfahren festgestellt werden. Beide Gruppen wiesen nur moderate Adhärenz bezüglich der täglichen Aktivitätsmessung auf. Somit sind AR und PR zumindest im Setting Berufskolleg vergleichbar anwendbar, allerdings muss für die AR eine deutliche größere Zahl an Personen angesprochen werden, um eine annähernd vergleichbare Stichprobengröße für die Akzelerometrie zu rekrutieren.
Während Studie Nr. 1 eine Übersicht über die aktuelle Wissenschaftspraxis darstellt, wurde in den Studien Nr. 2 und 3 mögliches Optimierungspotential hinsichtlich der internen Validität und Anwendbarkeit von Fragebögen und Akzelerometrie untersucht. Resultierend aus den drei Studien kann konstatiert werden, dass die aktuelle Wissenschaftspraxis im Bereich der Bewegungsförderung weiteres Optimierungspotential aufweist. Neben einer Verbesserung des Berichtswesens ist eine verstärkte Nutzung von präziseren Erhebungsinstrumenten anzustreben. In diesem Sinne kann die Einhaltung etablierter Guidelines für den standardisierten Einsatz unterschiedlicher Erhebungsinstrumente ein Ansatz sein, die Aussagekraft von Fragebogenerhebungen zu stärken und die Datenmenge in der Akzelerometrie zu erhöhen. Darüber hinaus gilt es nach weiteren Wegen zu suchen, die eine präzise und gleichzeitig praktikable Messung von körperlicher Aktivität ermöglichen. Neben der Entwicklung neuer Messinstrumente schließt dies eine weitere Optimierung der bestehenden Messsysteme sowie des kombinierten Einsatzes unterschiedlicher Instrumente mit ein.
OriginalspracheDeutsch
ErscheinungsortKöln
Herausgeber/inDeutsche Sporthochschule Köln
Seitenumfang70
PublikationsstatusVeröffentlicht - 20.10.2020

Bibliographische Notiz

Kumulative Dissertation

ID: 5473221

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