Motorisches Lernen im Wintersport: Studien zu Transferpotentialen in modular und saisonal übergreifend operierenden Bewegungskonzepten am Beispiel der Schneeschule

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Seit der Jahrhundertwende halten entwicklungsgemäße und auf Vielseitigkeit ausgerichtete Bewegungskonzepte für Kinder vermehrt Einzug in die bewegungswissenschaftliche Diskussion. Über das Ausnutzen eines strukturellen Transfers – der Ähnlichkeit von Bewegungen –, zielen sie auf die Ausbildung eines breiten Fundaments an sportartübergreifenden Basiskompetenzen zur Förderung des motorischen Lernens ab.
Die SCHNEESCHULE von Memmert et al. (2014) ist eines dieser Bewegungskonzepte und bietet ausgehend von einem aufgabenorientierten Denken eine vielseitige, disziplinübergreifende Bewegungsförderung mit dem Fokus auf Wintersportarten an. Die ganzjährig angelegte Basisausbildung der SCHNEESCHULE will über die Ausübung multipler Roll- und Gleitsportarten in den Winter-, Sommer- und Übergangsmonaten – also auch unter Abwesenheit wintersportlich klimatischer Bedingungen – ein breites Repertoire an Bewegungserfahrungen in ausgewählten Motorikmodulen generieren, die ein motorisches Lernen für Wintersportarten begünstigen. Dem modularen Ansatz konnte Hossner mit seinen „Modulen der Motorik“ (1995) in der modernen Diskussion zum motorischen Lernen einen neuen Stellenwert geben. Fertigkeitsdarbietungen werden dabei als situativ angepasste Zusammenstellung von Motorikmodulen verstanden, die in sich wiederum einen spezifischen Charakter tragen und als Technikbausteine bezeichnet werden (Hossner et al., 2013), für die von einem feineren Körnungsgrad als für die klassischen Bewegungsfähigkeiten ausgegangen wird.
Die verantwortlichen Wirkmechanismen des Lerntransfers im modularen Ansatz sind bis heute noch unzureichend erforscht und eine wissenschaftliche Aufklärung steht aus. Entsprechend mangelt es auch dem Konzept der SCHNEESCHULE an einer evidenzbasierten Absicherung der methodisch-didaktischen Inhalte, die einen potenziellen Lerntransfer von Roll- und Gleitsportarten auf den Wintersport für sich proklamieren. In der vorliegenden Arbeit wird diese Theorie-Praxis-Lücke aufgegriffen und ein Beitrag zum bewegungswissenschaftlichen Diskurs des motorischen Lernens geleistet. Die Forschungsfrage artikuliert sich als Prüfung, ob das im Konzept der SCHNEESCHULE in den TECHNISCHEN BASICS mitgeführte Versprechen eines Transferpotenzials die intendierte Übertragung von basalen Motorikmodulen zur Ausführung von saisonal übergreifenden Roll- und Gleitsportarten realisiert.
Aus Mangel an einem für das Untersuchungsvorhaben angemessenen diagnostischen Werkzeug, wurde in einem ersten Bearbeitungsschritt die Entwicklung eines eigenen sportmotorischen Tests – dem TB-TESTPROFIL – umgesetzt und der anstehenden Forderung nach Evaluation der Brauchbarkeit neu entwickelter wissenschaftlicher Erhebungsverfahren nachgekommen, in dem mit Studie 1 eine Analyse des Gütekriteriums Objektivität
vorgenommen wurde, mit Studie 2 eine Analyse des Gütekriteriums Reliabilität erfolgte und mit Studie 3 eine Prüfung zum Gütekriterium der Validität. Darauf aufbauend widmete sich die erste der beiden inhaltrelevanten Studien, Hauptstudie 4 – Transferpotenziale im Sommer einer Untersuchung der theoretisch angenommenen Abgrenzbarkeit der fünf im Bewegungskonzept der SCHNEESCHULE zentral positionierten TECHNISCHEN BAUSTEINE untereinander sowie exemplarisch an einem TECHNISCHEN BAUSTEIN, ob das Versprechen einer Beförderung des motorischen Lernens in Wintersportarten über Ausnutzung des Transferpotenzials der TECHNISCHEN BAUSTEINE mit sommerlichen Roll- und Gleitsportarten realisierbar ist. Die Hauptstudie 5 – Anwendungspotenziale im Winter folgte der Frage, ob evaluierte Leistungen der TECHNISCHEN BAUSTEINE Aussagen über Leistungen im Skirennnachwuchs zulassen und verglich die ermittelte Prognoseleistung mit evaluierten Leistungen motorischer Fähigkeiten.
Die Ergebnisse der Bearbeitung verweisen auf eine in der praktischen Anwendung akzeptablen Abgrenzbarkeit der TECHNISCHEN BAUSTEINE untereinander, mit der Einschränkung, dass nach aktuellem Forschungsstand dem TECHNISCHEN BAUSTEIN KÖRPERPOSITION REGULIEREN innerhalb der TECHNISCHEN BASICS möglicherweise der Status eines basalen Fundaments zugesprochen werden sollte. Zudem stimmen die Daten vorsichtig zuversichtlich, dass das im Konzept der SCHNEESCHULE in den TECHNISCHEN BASICS mitgeführte Versprechen eines Transferpotenzials die intendierte Übertragung von basalen Motorikmodulen – den TECHNISCHEN BAUSTEINEN – zur Ausführung von saisonal übergreifenden Roll- und Gleitsportarten realisiert und sich unter Vorbehalt über Anwendung des neu entwickelten TB-TESTPROFILS auch Aussagen zu potenziellen Leistungen im Skirennnachwuchs treffen lassen.
Zwischen der aktuellen theoretischen Annahme und einer umfänglichen praktischen Validierung des Konzepts SCHNEESCHULE liegt trotz der vorliegenden Datenlage noch viel Arbeit. Die Realisierung von mannigfaltigen Bewegungsangeboten unter Thematisierung von Roll- und Gleitsportarten in Kita, Schule und Verein zur Ausbildung einer saisonal übergreifenden Basisausbildung für den Wintersport aber kann im Blick auf die ermittelten Befunde ohne Einschränkungen empfohlen werden.



OriginalspracheDeutsch
ErscheinungsortKöln
VerlagDeutsche Sporthochschule Köln
Seitenumfang227
PublikationsstatusVeröffentlicht - 2021

ID: 6050757

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