Vor- und Nachteile des Einsatzes von Zeitlupe bei videobasierten Schiedsrichterentscheidungen

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Immer mehr Sportverbände ermöglichen den Einsatz von Videomaterial zur unmittelbaren Entscheidungsfindung von Kampf- und SchiedsrichterInnen im Wettkampf. Dabei gibt es so viele unterschiedliche Regeln zu diesem Einsatz wie es Sportarten gibt, in denen ein „Videobeweis“ verwendet wird. Meistens werden diese Regeln auf der Grundlage von individuellen Erfahrun- gen und pragmatischen Überlegungen festgelegt und in den seltensten Fällen auf der Basis von theoretischen Überlegungen oder wissenschaftlichen Studien. So bleibt es beispielsweise häufig der Willkür des (Video-)Schiedsrichters überlassen, in welcher Geschwindigkeit eine Videowiederholung abgespielt wird. Oft wird dabei die verlangsamte Darstellung (Zeitlupe) des kritischen Ereignisses verwendet. Dem liegt zumindest auf impliziter Ebene die Überzeugung zu Grunde, dass entscheidungsrelevante Hinweisreize in verlangsamter Darstellung besser erkannt werden können und dem Entscheider mehr Zeit bleibt, sie in der (deliberativen) Entscheidungsfindung angemessen zu berücksichtigen. Auf der anderen Seite zeigen aktuelle empirische Arbeiten, dass den handelnden Personen bei der Darstellung von aggressiven Handlungen in Zeitlupe unzulässiger Weise mehr Absicht unterstellt wird als bei der Darstellung in Originalgeschwindigkeit (Caruso, Burns & Converse, 2016). Insofern könnte die Verwendung von Zeitlupendarstellungen auch zu einer Zunahme von fehlerhaften Entscheidungen führen. Wir präsentieren zwei Studien, in denen die Verwendung von Zeitlupe bei Schiedsrichterentscheidungen auf ihre möglichen Vor- und Nachteile hin überprüft wurde. In Studie 1 trafen N = 109 Fussballschiedsrichter Foul/kein Foul Entscheidungen für 48 kritische Spielsituationen im Strafraum, für die die FIFA Referenzentscheidungen vorgegeben hat. Es zeigte sich, dass die Schiedsrichterentscheidungen eher mit den FIFA Vorgaben übereinstimmten wenn sie in Zeitlupe (M = 69.8%, SD = 13.5) als wenn sie in Originalgeschwindigkeit dargeboten wurden (M = 64.9%, SD = 13.2), t(109) = 5.07, p < .01, d = .48. In Studie 2 bewerteten N = 20 Rugbyschiedsrichter 21 Tackling-Situationen und trafen jeweils Entscheidungen darüber, ob es sich um ein zulässiges Tackling oder ein sogenanntes Late-Tackling handelt (d. h. ein Spieler wird attackiert nachdem er den Ball bereits weitergegeben hat). Hier zeigte sich, dass eher auf Late-Tackling entschieden wurde wenn die Situationen in Zeitlupe dargestellt wurden (M = 34.2%, SD = 15.0) als wenn sie in Originalgeschwindigkeit gezeigt wurden (M = 26.1%, SD = 16.0), F (1,17) = 7.11, p < .05, η2 = .20. Anhand dieser Ergebnisse diskutieren wir zusammenfassend die Notwendigkeit der Festlegung von Darbietungsgeschwindigkeiten für die Verwendung von Videomaterial bei unterschiedlichen Entscheidungssituationen von SchiedsrichterInnen im Sportspiel.
OriginalspracheDeutsch
TitelGelingende Entwicklung im Lebenslauf : Abstractband der 49. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) vom 25. bis 27. Mai 2017 in Bern
Redakteure/-innenC. Zuber, J. Schmid, M. Schmidt, M. Wegner, A. Conzelmann
Seitenumfang1
Herausgeber/inUniversität Bern, Bern Open Publishing
Erscheinungsdatum2017
Seiten93
ISBN (elektronisch)978-3-906813-42-4
DOIs
PublikationsstatusVeröffentlicht - 2017
VeranstaltungJahrestagung der asp - Bern, Schweiz
Dauer: 25.05.201727.05.2017
Konferenznummer: 49

ID: 3006405

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