Doping in den Medien – nur Skandalisierung und Personalisierung? Eine Studie des öffentlichen Doping-Diskurses während der Tour de France 2008

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Die Massenmedien haben die Aufgabe, die Gesellschaft und ihre sozialen Systeme zu beobachten und der gesamten Öffentlichkeit Informationen darüber zur Verfügung zu stellen. Nur mit diesen über die Massenmedien vermittelten Informationen können gesellschaftsweite Diskurse angeregt und Phänomene als für die Gesellschaft relevant wahrgenommen werden. Da die Art und Weise, wie die Öffentlichkeit über ein Phänomen informiert wird, ihre Einstellungen und ihr Handeln beeinflusst, wird die Relevanz der Berichterstattung über „Doping im Sport“ unmittelbar ersichtlich. Hier setzt ein Forschungsprojekt des Instituts für Sportsoziologie an, um ländervergleichend (Deutschland/Frankreich) empirische Ergebnisse über den medialen Umgang mit dem Thema Doping zu generieren. Im Fokus der hier vorgestellten Ergebnisse der Medienanalyse steht die Überprüfung der Frage, inwiefern der öffentliche Dopingdiskurs durch Skandalisierung und Personalisierung geprägt ist. Die empirische Analyse zur Beantwortung dieser Frage wurde mit einer Inhaltsanalyse der Berichterstattung über die Tour de France der Männer im Jahr 2008 in zwei überregionalen deutschen Tageszeitungen durchgeführt, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und der Süddeutschen Zeitung (SZ). Bezüglich des fokussierten Skandatisierungs- und Personalisierungsvorwurfs lassen sich aus den erhobenen Daten mehrere Erkenntnisse ableiten. Ein zentraler Hinweis auf eine in der Tat personenbezogene Skandalisierung der Dopingberichterstattung lässt sich in der Häufung der Artikel ablesen, die direkt im Anschluss an den dritten Dopingfall veröffentlicht wurden. Eine gleichmäßige dopingbezogene Berichterstattung über alle Tourtage hinweg hätte sich in den beiden Zeitungen mit fünf bis sechs Artikeln pro Ausgabe niederschlagen müssen. Real schwankt die Anzahl hingegen zwischen zwei und 14 Artikeln, wobei die höchste Anzahl von 14 Artikeln exakt an dem Tag nach der Entdeckung des dritten Epo-Falles, d.h. der Überführung von Riccardo Ricco publiziert wurde. Die Woche nach diesem Skandal war ebenfalls durch überdurchschnittlich viele dopingbezogene Artikel gekennzeichnet. Die Berichterstattung über Doping, welche die Tage zuvor auch, wenn auch weniger als Hauptthema der Artikel, vorhanden war, entzündet sich nun an dem Fall Ricco, d. h. nicht an einem ‚normalen Tourfahrer’, sondern an dem des Dopings überführten Kapitän der Mannschaft Saunier Duval. Skandalisierung und Personalisierung bedingen sich hier gegenseitig. Ein ähnlicher Verlauf bei thematischen Hauptakteuren ist jedoch nicht zu erkennen, also keine übermäßige Fokussierung auf die des Dopings überführten Sportler Beltran, Duerias und Ricco. Trotz einer beachtlichen Häufung der Artikelanzahl mit Dopingbezug nach dem Bekanntwerden der Fälle, werden die betroffenen Sportler nicht ausschließlich zu den Protagonisten der Artikel. Vielmehr nimmt die Spitzenposition ein deutscher Radprofi ein, Stefan Schumacher, welcher bei den Weltmeisterschaften im September 2007 mit einem erhöhten Hämatokritwert aufgefallen war und während der Tour 2008 durch sehr gute Leistungen auf sich aufmerksam machte. Quantitativ erst nachrangig sind die drei des Doping Überführten als Hauptakteure aufgeführt. Der Personalisierungsvorwurf an die Berichterstattung lässt sich angesichts dieser vergleichsweise geringen Anzahl von Artikeln nicht halten. Auffälliger in Richtung Personalisierung ist die Benennung gedopter Akteure: In fast 80% der Artikel werden gedopte Sportler benannt und hier ist zugleich eine Konzentration auf einzelne Personen im Zusammenhang mit Doping zu beobachten. Besonders die aktuell überführten Sportler stehen im Zentrum der Berichterstattung. Die Analyse der Aussagenurheber zeigt darüber hinaus, dass die zum Doping-Phänomen zitierten Personen zum größten Teil aus den Reihen der Fahrer selbst, bzw. weiterer Teammitglieder stammen, d. h. der Sinnhorizont des Dopingphänomens wird im Kreis der Tourteams und einzelnen Fahrer gehalten. Anti-Doping-Experten sowie Mediensprecher werden nur zu vorhandenen Fällen zitiert. Eine Aufarbeitung zum Phänomen Doping allgemein findet nicht statt. Ein weiterer Aspekt, der für die Personalisierungsthese der Dopingberichterstattung spricht, ist die häufige Benennung des spanischen Arztes Fuentes. Nahezu die Hälfte der Artikel benennt den Spanier bis zu sechsmal im Zusammenhang mit Doping. Fuentes ist somit der personalisierte Sünder auf der medizinischen Seite. Er wird jedoch nicht näher beschrieben oder in einen weiteren Zusammenhang gesetzt, sondern dient meistens sozusagen als Sinnbezug der Einordnung gedopter Sportler, da sie in einen Zusammenhang mit der „Fuentes-Affäre“ gebracht werden, und somit als überführte Doper gelten. Ein Fazit dieser Analysen ist, dass die Personalisierungsthese nur ansatzweise und keinesfalls überzeugend belegt werden kann. Der Skandalisierungseffekt im Zusammenhang mit der Dopingberichterstattung ist hingegen deutlich. Sobald die Fälle bekannt werden, wird ausführlich über den Überführungshergang der Betroffenen berichtet und vergangene Fälle werden gleich mit aufgerollt. Hier greift dann jedoch auch ein Stück weit der Personalisierungsvorwurf, da inhaltlich keine Mittäter zur Verantwortung gezogen werden, sondern die einzelnen Sportler mit ihrer positiven Probe zunächst als alleinige Täter dastehen. Die erhobenen Daten geben nur einen kleinen Einblick in die Dopingberichterstattung. Um allgemeingültige Aussagen zu treffen, gilt es, zum einen weitere Medien einzubeziehen, wie Boulevardpresse oder regionale Berichterstattung, bzw. Wochenperiodika, zum anderen nicht nur ein Event abzudecken, sondern auch die Tagespresse insgesamt. Es lässt sich nämlich mit Philipp vermuten, dass die Dopingberichterstattung nicht nur einer Personalisierung Vorschub leistet, sondern auch einer Konzentration auf nur wenige, wenn nicht gar nur eine Sportart. Auf dem Prüfstand steht somit nicht nur (weiterhin) die Personalisierungsthese, sondern auch die der Sportartenfokussierung. Beide Fokussierungen sind für umfassende Berichterstattung und Informationsgewinn über die Rahmenbedingungen des Dopings eher abträglich. Schiffer (unter Verwendung wörtlicher Textpassagen)
Original languageGerman
JournalIMPULSE-Das Wissenschaftsmagazin der Deutschen Sporthochschule Köln
Volume17
Issue number(2)
Pages (from-to)36-43
Number of pages8
Publication statusPublished - 2011

ID: 177023

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