Geschlechtsbezogene Verzerrungen : Gender Bias in der sportmedizinischen Forschung?

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Die Aufmerksamkeit gegenüber geschlechtsbezogenen Phänomenen ist in den vergangenen Jahren in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen zunehmend gestiegen, auch in der Medizin und den Gesundheitswissenschaften. Dies ist nicht zuletzt Forschungsarbeiten zu verdanken, die ermittelt haben, dass die Forschung in diesen Bereichen zwar durchaus den Anspruch erhebt, gleichermaßen zum Wohle der Gesundheit von Männern und Frauen zu arbeiten, jedoch von geschlechtsbezogenen Verzerrungen, dem sogenannten Gender Bias geprägt ist. Gender Bias oder geschlechtsbezogene Verzerrungseffekte entstehen im Forschungsprozess durch die Nichtberücksichtigung von Geschlecht bzw. das Ignorieren der Relevanz von Geschlecht im Forschungsprozess, so dass die Validität der Forschungsergebnisse in Frage gestellt werden muss. Verschiedene Studien vor allem im Bereich der Gesundheitswissenschaften haben auf diese geschlechtsbezogenen Verzerrungseffekte aufmerksam gemacht und insbesondere drei Formen des Gender Bias identifiziert: 1. Androzentrismus/Gynozentrismus (tritt in der Forschung auf, wenn eine einseitig männliche oder weibliche Perspektive eingenommen wird); 2. Geschlechterinsensibilität (bezeichnet die Ignoranz gegenüber biologischen, psychischen oder sozialen Aspekten der Geschlechterdifferenzen); Ungleicher Bewertungsmaßstab (hierbei geht es um die Relevanz von Geschlechterstereotypen, also gesellschaftlich weit verbreiteten Annahmen über die typischen Eigenschaften von Frauen und Männern, die als naturgegebene, „geschlechtsspezifische“ Parameter in die Forschung eingehen). Inwiefern der Gender Bias auch auf Forschungen im Bereich der Sportmedizin zutrifft, ist Gegenstand eines vom Interdisziplinären Genderkompetenzzentrum in den Sportwissenschaften (IGiS) initiierten Projektes, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem Europäischen Sozialfond für Deutschland (ESF) gefördert wurde. Im Mittelpunkt der empirischen Untersuchungen stehen hier zum einen Inhaltsanalysen von sportmedizinischen Artikeln und deren Abstracts und zum anderen Interviews mit zentralen Akteuren des Wissenschaftssystems über das Phänomen und die Ursachen von Gender Bias in der Forschung. Die bislang vorgestellten Befunde legen nahe, dass auch im breit gefächerten Feld der sportmedizinischen Forschung Gender Bias u.a. in Form des Androzentrismus und der Geschlechterinsensibilität vorkommt. Um über die Ursachen dieses Phänomens Aufschluss zu erhalten und Ansatzpunkte zur Intervention zu entwickeln, wurden Interviews mit Experten und Expertinnen der Sportmedizin geführt (z. B. mit Herausgeber(inne)n und Gutachter(inne)n von Zeitschriften, Akteuren aus Institutionen der Forschungsförderung). Die Aussagen bringen eine Fülle von Befunden hervor, die heterogene und zum Teil auch widersprüchliche Perspektiven zur Relevanz oder auch Irrelevanz der Berücksichtigung von Geschlecht im Forschungsprozess geben. Die Ergebnisse aus den Inhaltsanalysen und den Interviews werden abschließend – so das Ziel des Gesamtprojektes – analog zu den bereits existierenden Richtlinien zur Vermeidung von Gender Bias in der Gesundheitsforschung in Leitlinien für den Bereich der sportbezogenen Gesundheitsforschung überführt. Schiffer (unter Verwendung wörtlicher Textpassagen)
Original languageGerman
JournalIMPULSE-Das Wissenschaftsmagazin der Deutschen Sporthochschule Köln
Volume17
Issue number(2)
Pages (from-to)30-39
Number of pages10
Publication statusPublished - 2012

ID: 176929

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